Kant vs. Dostojewski – Philosophie einmal anders

Sehr geehrter Herr Dostojewski,

ich habe den fünften Teil ihres Buches „die Brüder Karamasov“ gelesen, das von einem Gespräch zwischen einem Großinquisitor und Jesus Christus, der vom Großquinisitor festgenommen lassen wurde, handelt.

Hierbei definieren Sie, beziehungsweise der Großinquisitor, die moralische Selbstbestimmung als Überforderung für den Menschen. Dabei vertreten Sie den Standpunkt, dass man als Mensch jemanden suchen müsse, dem  man das Geschenk der Freiheit überbringen muss, sodass der Mensch, der mit Freiheit geboren wurde, ein unglückliches Geschöpf sei.

So fördere laut Ihnen auch Jesus die Qual des Menschen, da er die Freiheit des Menschen zu vergrößern versucht. Abschließend stellen Sie fest, dass der Mensch nicht mit freiem Herze entscheiden kann bzw. soll, weil er für dies zu schwach sei und es zu viel von ihm verlangt wäre.

Im Gegenzug fordern Sie, dass das Leben für irgendeinen  Zweck der Freiheit des Menschen übergeordnet sein müsse. Laut ihnen ist dies das Ziel eines jeden Lebens. Fehlt dieser Zweck, so sagen Sie, folge die Selbstvernichtung.

Um dies zu ermöglichen und um die Freiheit des Menschen einzuschränken sind sie der Auffassung, dass der Mensch einer Autorität folgen müsse, damit er frei von Qual sein könne.

Ihr Standpunkt ist durchaus sehr interessant und regt zum Nachdenken an. Jedoch muss ich ihnen mitteilen, dass ich ihren Standpunkt in keinster Weise nachvollziehen und vertreten kann.

Es ist gerade die Möglichkeit eines jeden Menschen, frei zu entscheiden und zu denken die das höchste Gut eines menschlichen Individuums ist. Den Menschen ihre Fähigkeit abzusprechen, mit Freiheit umzugehen und selber denken zu können, ist absurd und unverständlich, das gerade Sie als gebildeter Mann wissen sollten.

Essentiell für den Menschen ist nicht, die Freiheit abzulegen, sondern den kategorischen Imperativ anzuwenden. Dies kann jedoch nur gelingen, ist ein Mensch in der Lage frei zu entscheiden und zu handeln. Der Mensch muss in der Lage sein, selber zu denken und selbst  den moralischen Imperativ anwenden. Würde er seine Freiheit ablegen, so wäre ihm dies verwehrt.

Das Problem bei ihrer Ansicht ist, dass niemand für das verantwortlich gemacht werden könnte, was er tut. Ziel eines jeden Menschen soll es nämlich sein, so zu handeln, dass die Handlungen keine Beziehung auf einen anderen Zweck haben, sie muss notwendig und unbedingt sein. Dabei entsteht diese Feststellung auf Grund des vernunftgetriebenen Willens des Menschen.

Nun stellen Sie sich einmal vor Herr Dostojewski, der Mensch würde seine Freiheit ablegen. Es gäbe weder einen vernunftgetriebenen Willen, noch könnte der Mensch selbst und frei feststellen, welche Handlung durch ihn gut ist.

Handle so, als ob die Maxime deines Handelns durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte. Wäre der Mensch nicht frei, so müsste er sich auch nicht an den Imperativ halten, da er für sein Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Die Frage Herr Dostojewski ist doch dann, wer dann verantwortlich gemacht wird. Gott? Ein autoritäres Regime? Der Mensch kann nur vollkommen sein, wenn er frei ist, frei ist den Imperativ und den kategorischen Imperativ anzuwenden und dafür verantwortlich gemacht werden kann. Nur so kann der Mensch seine Vollkommenheit erreichen. Denn es ist klar, dass man einem Mensch der keine Freiheit besitzt weniger zumuten kann, als einem freien Menschen. Genau deswegen ist es aber falsch von vorne herein wie Sie pauschal zu sagen, dass der Mensch nicht mit Freiheit umgehen könne. Ein Leben in und für die Freiheit alleine ist schon ein Zweck des Lebens, den Sie ignorieren.

Hochachtungsvoll, Ihr Immanuel Kant