Kants kategorischer Imperativ

Journalist: Sie wurde in der Zeit der Aufklärung geboren und war damals der „Vorzeigephilosoph“ der Bewegung. Von Ihnen stammt auch das bekannteste Zitat dieser Zeit: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Noch heute wird über Ihre Theorien diskutiert und versucht diese im Alltag anzuwenden.In einem Interview möchten wir von Ihnen erfahren, wie Sie sich zu verschiedenen Themen positionieren und ob Ihre Theorie tatsächlich im Alltag anwendbar ist. Aber nun einmal von vorn:

Herr Kant, es gibt viele  Beispiele für moralische Dilemmata. Haben Sie beispielsweise von dem Fall  „Ashley“ aus Amerika gehört?

Kant: Leider nichts genaues, lediglich dass es sich um eine umstrittene Therapie handelte.

Journalist: Die Ashley-Behandlung bezieht sich auf eine Reihe von kontroversen Behandlungen, welche als Erstes an einem Kind aus Seattle, Ashley  durchgeführt wurden. Ashley wurde 1997 geboren und ist durch statische Enzephalopathie mit ungeklärter Ursache schwer geistig behindert. Die Behandlung beinhaltet das vorzeitige Beenden des Wachstums .Der primäre Sinn dieser Behandlung ist das Verhindern der Bildung sekundärer Geschlechtsmerkmale und des Wachstums zu adulter Größe. Die Kombination dieser Behandlungen erzeugte Anfang 2007 großes öffentliches Interesse und löste ethische Diskussionen aus.

Kant: Wieso sollte diese Behandlung überhaupt durchgeführt werden?

Journalist: Die Eltern argumentieren es so, dass die Pflege für sie enorm vereinfacht wird und diese Behandlungen ihr zu Gute kommen würde.  Es sollen zum Beispiel die Unannehmlichkeiten, welche mit der Regelblutung einhergehen und  das Risiko einer Schwangerschaft verhindert werden. Außerdem ist es für die Eltern leichter sie zu baden und an verschiedene Orte zu tragen, wenn sie nicht ausgewachsen sei.

Kant: In diesem Fall kann man die Formel, welche ich entwickelte sehr gut anwenden. Im kategorischen Imperativ heißt es nämlich: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Die Maxime der Eltern ist nämlich die Erleichterung der Pflege des Kindes und zugleich die Ersparnis der Unannehmlichkeiten für ihr Kind. Jetzt müsste man diese Maxime verallgemeinern und sich als Gesetz vorstellen.

Kann ich also wollen, dass es ein Gesetz gibt, dass Eltern für ihr behindertes Kind Therapien in Kauf nehmen, welche umstritten sind, damit die Pflege des Kindes erleichtert wird?

Journalist: Also dürfte nach ihrer Auffassung die Behandlung nicht durchgeführt werden, da dies als allgemeines Gesetz moralisch nicht vertretbar sei?

Kant: Genau oder mit anderen Worten: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.